Verantwortlicher Betreiber dieser Seite:
![]()
ee
|
IndIndustrial-Essay Wer sich für kontroverse Musikrichtungen interessiert, wird früher oder später auch auf den Industrial stoßen. Diese Kunst- und Musikform existiert nun schon seit über 30 Jahren, wobei im Laufe der Zeit immer neue Ausprägungen und Unterarten entstanden sind. Dabei soll es hier nicht um die Entstehungsgeschichte gehen, sondern vielmehr um die Inhalte und die musikalischen Stilmittel. Es sei gleich angemerkt, daß das hier gesagte teilweise auch auf andere Sparten des Industrial zutrifft, besonders aber im Power Electronics-Bereich werden heikle Themen wie Krieg, Drittes Reich, Faschismus, Terrorismus, Rassismus, Unterdrückung, Gewalt, Krankheiten, Tod, Religionsfanatismus, Serienkiller, Massenmord, psychische Abgründe, sexuelle Perversionen, Tier- und Menschenversuche, Gehirnwäsche, Zensur, Medien- und Konsumterror, Machtmißbrauch oder tagesaktuelle gesellschaftliche Mißstände thematisiert. Besonders bei den extremeren Begriffen stellt man fest, daß sie nur allzugern von den meisten Mitmenschen ausgeklammert werden, da sie in der Regel äußerst unangenehme Gefühle auslösen oder einfach nur das Bild der heilen Welt zu nachhaltig zerstören würden. Dazu passend machen selbst die Medien unter Vorbringung fadenscheiniger Argumente entweder einen Bogen um einzelne Themen oder diese werden in zensierter und damit verniedlichter Form dargeboten. Bestes Beispiel sind die jüngsten Ereignisse im Irak-Krieg. In den einschlägigen Medien bekommt man lediglich sterile Zahlen der zu beklagenden Verluste aufgeführt. So werden nach Raketenangriffen oder Selbstmordanschlägen einige Helfer bei Aufräumarbeiten neben zerstörten Gebäuden und Fahrzeugen gezeigt und allenfalls ein zurückgebliebener blutiger Schuh deutet darauf hin, daß hier tatsächlich Menschen gestorben sind. Nicht der vorgeschobene Respekt vor den Toten verhindert das Zeigen authentischen Bildmaterials, sondern die Angst vor einem massiven Stimmungsumschwung innerhalb der Gesellschaft ist der Hauptgrund für diese Art von Zensur. Die Realität des Krieges besteht aber nicht aus sterilen Verlustzahlen und chirurgisch-präzisen Raketenangriffen, sondern aus zerfetzten Soldaten, zerrissenen Zivilisten und blutigen Leichenteilen und Gewebemassen. Derartig schockierende Bilder würden die gedankliche Vorstellung vom sauberen Krieg nachhaltig demontieren. Und da diese Schreckensszenarien real sind und existieren, tagtäglich, überall, in immer wieder kaum zu fassenden Ausprägungen, setzt genau hier der Industrial an, indem der Gesellschaft der Spiegel vorgehalten wird. Es wird knallhart thematisiert ohne jedoch zu kommentieren oder zu bewerten. Diese Reflexion des Unangenehmen, ohne aber klar dazu Stellung zu beziehen führt nicht selten dazu, daß Botschaft und Botschafter vom Uneingeweihten verwechselt werden und der Industrialmusiker in den Verdacht gerät, ein Sympathisant des Dargebotenen zu sein. Dem Künstler reicht es jedoch völlig aus, die Schwachstelle zu bestimmen, an der er den Spiegel ansetzt, was ja bereits eine Stellungnahme impliziert. Weitergehende Kommentare finden in der Regel nicht statt und die Reaktion des Rezipienten, wie auch immer sie ausfallen mag, ist das eigentlich erwünschte Ziel und somit von Bedeutung. Jede Reaktion setzt zwangsläufig eine gedankliche Auseinandersetzung mit der Thematik voraus und reißt den Hörer zumindest kurzzeitig aus seiner Abstumpfung gegenüber der angesprochenen Schwachstelle. Besonders im Power-Electronics Bereich hat sich der Begriff des Kulturterrorismus herausgebildet, als Zurschaustellung einer ablehnenden Verneinungshaltung gegen viele der oben genannten Themengebiete. Er zielt damit gegen die Konformität der Gesellschaft, die sich bestimmter meinungsmachender Mechanismen immer weniger bewußt wird und in der der Einzelne darauf getrimmt wird, als ein Rädchen im Getriebe zu „funktionieren“. Diese Erziehung zum unkritischen Bestandteil der Gesellschaft, weg vom kritischen Beobachter, läßt die Mehrheit der Bevölkerung zunehmend zum Spielball bestimmter Interessengruppen mutieren. Als Paradebeispiel kann hier das Privatfernsehen genannt werden, das ganz sicher nicht dazu dient, dem Zuschauer nach Feierabend ein wenig Zerstreuung zu bieten, auch wenn der Großteil der bevorzugt erreichten Klientel heutzutage dieser Ansicht sein mag. In erster Linie sind auch die Privatsender Wirtschaftsunternehmen, denen es um Gewinnerzielung geht und als Haupteinnahmequelle sind dabei die verkauften Werbezeiten an die Konsumgüterindustrie zu nennen. Daß nicht der kritische, alles hinterfragende Zuschauer der beste Kunde ist, sondern ein oberflächlicher und gedankenloser Zuseher viel leichter mit den kaufstimulierenden Botschaften indoktriniert werden kann, erscheint nur logisch. Daher wird sehr viel dafür getan, das die Werbung einrahmende Programm in einer Weise zu gestalten, daß der Fernsehkonsument durch geschickten Einsatz von immer niveauloseren Sendungen nach einem (leider vielfach bereits vollzogenen) Anpassungsprozeß zur leichten Beute für die Werbeindustrie und deren Kaufanreizen wird. Etwas härter formuliert kann man hier ohne weiteres von domestizierten Primaten unter der Sklaverei des Kapitals sprechen und diese wähnen sich auch noch überwiegend glücklich und selbstbestimmt in ihrer heilen Werbewelt. Um diesen Dornröschenschlaf zu stören, arbeitet der Kulturterrorist mit extremen Stilmitteln, die dazu geeignet sind, in abnormer Weise zu provozieren und Reaktionen hervorzurufen. Einem Misanthropen gleich wird die träumerische Scheinwelt der normalen Gesellschaft mit Füßen getreten, in einer nihilistischen Anti-Haltung verhöhnt und verlacht, da der vielgepriesene Humanismus unserer modernen, aber entarteten Welt versagt haben muß. Dies geschieht mithilfe lärmender und unangenehmster Frequenzen, derer sich die Unterhaltungsmusik aus naheliegenden Gründen niemals bedienen würde. Dazu gesellen sich plakative Texte bis zum Obszönen, vorgetragen in aggressiv-verzerrter Weise oder Original-Samples von zum Beispiel Nazigrößen oder Massenmördern. Unterstützend finden verstörende Bilder in Grafik und Video sowie schockierende Bühnenperformances Verwendung. Kurz gefaßt, Eindrücke, die für das Publikum an die Grenzen des physisch und psychisch Erträglichen gehen. Bereits zur Normalität gewordene Darstellungen von alltäglichen Grausamkeiten werden somit in neuen Formen und Strukturen aufgeführt und aus ihrer bereits vollzogenen Akzeptanz herausgelöst. Es handelt sich, da man von echten Terroristen freilich anderes gewohnt ist, trotz der Dramatik des Dargebrachten um nichtkörperliche Anschläge auf die gegenwärtigen Ausprägungen der Kultur. Die Provokation wird nicht um der Provokation Willen eingesetzt, sondern um Positionen zu dekonstruieren, Standpunkte zu entlarven. Die Thematisierung von Fehlentwicklungen in der Gesellschaft führt somit auch zur Offenlegung von Standpunkten derer, die mit dieser Ausdrucksform konfrontiert werden. Dabei spielt nicht die Art der Reaktion die entscheidende Rolle, sondern vielmehr das Ziel, daß es beim Rezipienten überhaupt zu einem Gedankenprozeß kommt und dadurch althergebrachte Ansichten und eingeschliffene Abläufe hinterfragt werden. Der Gesellschaft den Spiegel vorhalten heißt, verkrustete Denkstrukturen aufzubrechen, Denkmuster auseinanderzureißen und neu zusammenzusetzen, Oberflächlichkeit, Kritiklosigkeit und Lethargie in einer von den Massenmedien mehr und mehr abgestumpften Gesellschaft zu überwinden versuchen. Letztlich sind nicht die Techniken der Industrial-Künstler die Geschmacklosigkeit bzw. der Skandal, sondern die Tatsache, daß das reflektierte Spiegelbild pausenlos all diese unschönen Dinge zurückspiegelt. Als ein Beispiel seien hier Genocide Organ genannt, die sich seit ihren Anfängen einer sehr kontroversen Bildsprache bedienen und kompromißlos gerade die politisch nicht korrekten Themen behandeln. Bewußt mehrdeutig gehaltene Aussagen führen immer wieder zu Verwirrungen, erzielen jedoch die Wirkung, gedankliche Verdrängungsprozesse brutalst zu behindern und Stellung beziehen zu müssen. Intonieren die Mitglieder dieses Projektes beispielsweise ihr haßerfülltes „White Power Forces“, dann schlüpfen die Protagonisten lediglich in die Rolle des tobenden Ku-Klux-Klan Anhängers. Sie thematisieren und konfrontieren den Rezipienten mit einer real existierenden Tatsache. Wie der Hörer reagiert, ist seine Sache, da er als mündig genug angesehen wird, einen eigenständigen Gedankenprozeß zu initiieren. Seine Reaktion bzw. das Ergebnis seines Gedankenganges offenbart lediglich die eigene Haltung, nicht die Einstellung des vortragenden Künstlers. Durch diese Vorgehensweise entlarvt sich der Adressat eventuell selbst, denn die Strategie der Künstler liefert bewußt nicht die Antwort, sondern ihr Auftreten stellt das Fragezeichen dar, wodurch der Rezipient zum Nachdenken bzw. Dialog angeregt werden soll. Eine ähnliche Vorgehensweise verfolgt das amerikanische Projekt Deathpile auf dem Album G.R.. Mastermind Jonathan Canady schlüpft hier in die Rolle des sogenannten Green River Killers Gary Leon Ridgway und verhöhnt aus der Ich-Perspektive in kaum zu ertragender Weise die zahlreichen Opfer, die Ermittler und die dem Killer verhaßte Gesellschaft. Eine weitaus effektivere Methode, die Perversität der Geschehnisse aufzuzeigen, als lediglich die bekannten Fakten des Falles aufzuzählen und aus der Beobachter-Perspektive wiederzugeben. Will man die Radikalität vieler dieser Themen möglichst schonungslos aufzeigen, verbietet es sich von selbst, auf eine eher harmlos anmutende Umsetzung zurückzugreifen. Genauso radikal treten vielfach die Anhänger dieser Musik und Vorgehensweise in Erscheinung. So werden Konzertbesuche als Identifikationsbeweis mit der Industrialkultur eben in martialischer und militaristischer Aufmachung besucht und der Anhänger dieser Szene bekommt schnell einen totalitären Stempel aufgedrückt. Aufgrund der zur Schau gestellten Ästhetik besteht allerdings die Gefahr, daß sich jemand von diesem Umfeld angezogen fühlt, der in den Stilmitteln des Industrial eine 1:1 Umsetzung seines eigenen Gedankengutes vermutet und sich zumindest kurzzeitig davon angesprochen fühlt. Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß eine faschistische Bildsprache natürlich auch echte Faschisten anspricht, die im ersten Moment eher entzückt als geschockt reagieren. Diese Leute stoßen jedoch sehr schnell, sowohl als Musiker als auch in der Fanschar, auf Ablehnung, bleiben somit völlig unbedeutend und isoliert und entfernen sich recht schnell wieder aus dem Industrialumfeld, wenn sie erkennen, daß sie einem Trugbild aufgesessen sind. Auch der Industrial hat sich natürlich wie jede andere Musikrichtung oder Subkultur im Laufe der Jahre weiter entwickelt, was sowohl die musikalischen Stilmittel betrifft, als auch die Auswahl, Umsetzung und Verarbeitung der Themen anbelangt. Geblieben ist aber der Urgedanke, mit drastischen Mitteln auf gesellschaftliche Mißstände hinzuweisen. Und dieses Ziel erreicht man am besten, indem man kritisch hinterfragend, medienskeptisch und möglichst manipulationsresistent seinen Blick auf die tabuisierten Vorgänge innerhalb der Gesellschaft richtet. Für manch einen ist der Industrial dabei gar zur Lebenseinstellung geworden, für andere stellt er lediglich eine, wenngleich auch sehr extreme, Kunstform dar. Aber Kunst darf nicht nur, sie muß in mancher Hinsicht extrem sein, um überhaupt noch jemanden zu erreichen, besonders in der heutigen Zeit. Etwas elitärer angehaucht sind die Meinungen derer, die diese Bewegung als Gegenpart zur konsum- und spaßgeilen und von den Massenmedien langsam abgestumpften und geistig retardierten Unterschicht ansehen. Und natürlich gibt es glücklicherweise auch noch Zeitgenossen, die vollkommen ohne Kenntnis des Industrial eine Lebensweise an den Tag legen, die von gesundem Menschenverstand, gegenseitigem Respekt, Selbstbestimmung, Individualität und Meinungsfreiheit geprägt ist. Wer allerdings in den Industrial-Künstlern und Anhängern lediglich kranke Perverse, gewaltverherrlichende Psychopathen oder ewiggestrige Nazisympathisanten sieht, beweist damit nur seine eigene Oberflächlichkeit und einfältige Struktur, wobei beidem eine hohe Manipulationsanfälligkeit immanent ist. Es handelt sich hier um die Beschreibung eines Idealtypus’. Abweichungen in der Realität sind selbstverständlich.
Nichts ist, wie es scheint – Sapere Aude! |